Der Ausbruch aus dem Schema der Familie

Ich bin das jüngste von drei Kindern, ein Nachzügler. Meine beiden Schwestern sind 16 bzw. 14 Jahre äter als ich. Ich bin also quasi nicht mit ihnen aufgewachsen. Meine Eltern stammen beide aus recht ärmlichen Verhältnissen. Mein Vater hat nach der Schulpflicht eine Lehre gemacht, meine Mutter ohne weitere Ausbildung gearbeitet.

Meine Schwestern haben einen sehr ähnlichen Weg eingeschlagen – sofern sie denn überhaupt eine andere Wahl hatten –  und haben nach der Grund- und Hauptschule, sowie einem Jahr Hauswirtschaftsschule eine Lehre begonnen. Zum Teil mit mehr und zum Teil mit weniger Erfolg.

Dass ich überhaupt ins Gymnasium gehen durfte, hab ich meiner ältersten Schwester zu verdanken, denn meine Eltern hätten das nie in Erwägung gezogen, weil es für sie ein unbekannter Weg war und sie sich nie darüber Gedanken gemacht hatten. Ich weiß selber nicht mehr genau, wie sie auf die Idee kam, meinen Eltern einzureden, ich solle ins Gym gehen, aber sie tat es und das mit Erfolg. Vielen, vielen Dank an dieser Stelle an sie.

Die Unterstufe verlief eigentlich ohne weitere Vorwürfe den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Ich war zwar immer auf mich alleine gestellt, denn Unterstützung konnte ich mir nicht erwarten und war zum Teil auch nicht möglich. Zum Glück lerne ich schnell und leicht. Außerdem war ich ein sehr eigenartiges Kind. Ich machte vom ersten Tag an – und das schon ab der Grundschule – meine Hausaufgaben ohne Aufforderung und das noch dazu gerne und äußerst penibel. Ich war somit schultechnisch betrachtet sehr „pflegeleicht“.

Die Diskussionen entbrannten erst, als ich meine Schulpflicht hinter mir hatte, denn da sahen meine Eltern plötzlich nicht mehr ein, warum ich denn meine Zeit in der Schule verschwendete und nicht etwas Vernünftiges, wie eine Lehre machte, wo ich da ja noch dazu Geld verdienen würde. Ich setzte mich stur zu Wehr und meine guten Noten erschwerten ihnen die Argumentation. Der Konflikt eskalierte – bei weitem nicht nur wegen der Schule – und ich zog mit 16 aus und maturierte quasi gegen ihren Willen.

Zum riesen Entsetzen meiner Eltern beschloss ich dann auch noch zu studieren. Eine Welt brach für sie zusammen. Mein Vater, der Studenten immer als „Nichtstuer“, „Taugenichtse“ und „Schmarotzer“ bezeichnete,  hatte auf einmal selbst so etwas in der Familie.

Ich lies mich nicht beirren, studierte brav, arbeitete nebenher und hielt mich recht gut über Wasser und schloss mein Studium ohne weitere Probleme letzten Herbst in Mindestdauer ab.

Obwohl ich meinen Weg gegangen bin, tat es mir immer weh bei meinen Eltern so auf Ablehnung zu stossen. Nie gab es Anerkennung oder Lob. Wenn, dann hieß es: „Das machst du ja eh für dich, nicht für uns.“ Stimmt im Grunde genommen, aber ab und an braucht jeder Zuspruch. Es kommen einem selbst bei der größten Überzeugung das Richtige zu tun Zweifel, wenn die eigenen Eltern dein Handeln missbilligen.

Ich verstand zwar recht bald, dass sich meine Eltern nie ändern würden, aber zwischen verstehen und akzeptieren liegen Welten. Insgeheim hoffe ich vermutlich noch immer, dass sie mir aufrecht sagen, dass sie stolz auf mich sind und nicht nur nach außen zu den Verwandten und Bekannten die stolzen Eltern geben und mit meinen „Leistungen“ prahlen. Da bin ich dann auf einmal gute und teure Ware…

Es ist sehr schwer aus dem Schema einer Familie auszubrechen. Bildung wird nach wie vor meist vererbt. Unbekanntes macht Angst. Und gerade für seine Kinder möchte man einen vorhersehbaren Weg, einen den man kennt und am besten selbst bestritten hat. Nur Menschen sind nunmal verschieden und nur weil etwas für einen selbst gut war, heißt das noch lange nicht, dass es das auch für das Kind ist.

In erster Linie sollte man die Interessen der Kinder fördern und schauen, was für sie am besten ist. Den Nachwuchs in die eigenen Fussstapfen zu stecken, nur weil es in der Familie bislang so üblich war und vielleicht bequemer ist, ist falsch.

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9 Kommentare

  1. Wow hast Dir ja einiges von der Seele geredet und das sehr offen.

    Ich bin nun selber seit 10 Monaten stolzer Papa meiner süßen Eva und denke auch manchmal darüber nach ob ich den Kopf frei genug haben werden (in Zukunft) um Ihr genug Freiraum zu lassen sich so zu entfalten wie Sie das gerne möchte und nicht wie ich (ohne das vielleicht selbst zu bemerken).

    Ich denke es ist für Eltern nicht immer einfach und im Grunde ihres Herzens wollen sie auch bestimmt immer das Beste für Ihre Kids. Allerdings fehlt ihnen hierzu oft das nötige Verständnis und vor allem der Horizont und der Gegenwartsbezug.

    Ich hätte mir die doofe Elektroniklehre damals wirklich sparen können und wäre sofort in die Software-Entwicklung gegangen aber Papas Worte „Kind lerne besser was ordentliches“ können ein Kind mit 15/16 doch schon beeinflussen 🙁

    Ich muss Dir aber auch sagen das es viele Kids gibt, welche so gegen den Strom ruderten, die nicht bis zum Ende durchgehalten haben und daran zerbrochen sind. Dann so ganz ohne Zuspruch und Bestätigung ist das echt verdammt hart. Umso mehr gebührt Dir ein gewisser Respekt das Du Dich so durchgebissen hast und das immer mit Erfolg (wie es scheint).

    • Zunächst mal herzlichen Glückwunsch zum Töchterchen! 🙂

      „Von der Seele geredet“, das klingt nun so, als hätte es mich bedrückt. Dem ist nicht so. Eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass es nicht typisch ist, dass man nach einem neusprachlichen Gymnasium ein technisches Studium absolviert, aber während dem Schreiben bin ich dann drauf gekommen, dass ich weiter ausholen muss / möchte.
      Natürlich nagt es nach wie vor an mir, dass meine Eltern mir keine Wertschätzung zollen, aber ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich aus meinem Leben gemacht hab und ich will ihnen da auch weiter keinen Vorwurf machen. Sie wussten und wissen es einfach nicht besser.

      Es ist für Eltern sicher nicht einfach das Richtige zu tun, aber man darf sich da halt nicht zu sehr von seinen eigenen Wünschen leiten lassen oder gar noch schlimmer das eventuell Versäumte am Kind nachzuholen versuchen.
      Das ist sicher leichter gesagt als getan.

      Ich hab damals in meiner Schulzeit alle Angebote der Berufsorientierung genutzt und bin sehr froh, dass das angeboten wurde, denn so war mir eigentlich recht bald klar, in welche Richtung es gehen sollte und nachdem ich ein Perfektionist bin, kann ich mir keinen Fehltritt erlauben! 😉

      Dauerndes gegen den Strom schwimmen ist nicht einfach und das kann sicher nicht jeder und ich mag nicht daran zerbrochen sein, bin dadurch aber nachhaltige geprägt worden und das nicht nur im positiven Sinne.

      • Auf das Thema „dass man nach einem neusprachlichen Gymnasium ein technisches Studium absolviert“ kannst Du ja irgendwann noch gesondert eingehen 😉

  2. Na, da gratulier‘ ich dir zu deinem Werdegang. Ich kann das selbst ein bisserl nachvollziehen. War auch die erste in der Familie mit Matura und Studium. Ich durfte aber nicht auf ein Gymnasium gehen dürfen, sondern hab Handelsschule gemacht und hab dann zum hackeln angefangen. Matura und Studium also berufsbegleitend gemacht. Die Sache, dass meine Mama jetzt überall rumprahlt mit meinen Erfolgen kenn ich auch.

    Entscheidend ist aber, dass wir das gemacht haben, obwohl wir nicht die Voraussetzungen dafür hatten. Das beweist für mich, dass das Bedürfnis nach Bildung intrinsisch sein muss. Man muss halt was dafür tun und man muss wirklich ausbrechen wollen.

    • Dankeschön und meine Hochachtung für deine Leistung, denn Matura und Studium nebenher ist meiner Meinung nach wirklich hart und erfordert verdammt viel Disziplin und einen eisernen WIlen.

      Man kann ausbrechen, wenn man will, aber das fordert einem viel ab. Hält man es durch, so zieht man daraus sicher viele Vorteile, aber es zerbrechen auch leider viele daran.

  3. Wahre Worte, weise ausgesprochen … zu oft ist der eigene Bildungsweg von dem der Eltern abhängig – egal, wie heftig immer die „Offenheit“ unseres Bildungssystems gepredigt wird.

    So wie ich denke, dass Eltern ihren Kindern Rahmen (Grenzen) und Schutz bieten müssen (und sich dabei meistens nur auf eigene Erfahrungen stützen können), so ist es die Aufgabe von Kindern, sich zu emanzipieren und eben *den* oder *die* Schritt/e zu machen, die sich die Eltern nicht vorstellen können.

    Und wie man sieht, hast Du nicht nur das getan … Du hast auch noch das Richtige getan, weil es offensichtlich genau *Dein* Ding war: freiwillig Hausaufgaben, Mindesstudiendauer, leichtes Lernen.

    Also nicht nur Gratulation zu Deinen Erfolgen, sondern auch dazu, dass Du diesen „Schritt weiter“ gemacht hast.

    • Die Offenheit unseres Bildungssystems… tja…

      Eltern sollen ihren Kindern zwar das Stehen beibringen, aber gehen müssen sie dann schon von alleine. Korrigierende Eingriffe sind in Ordnung, aber mehr nicht, sonst züchtet man sich Marionetten an.

      Es war definitiv der richtige Weg für mich. Ich lerne gerne und auch leicht und hab unter Bildung nie einen Zwang, sondern eine Chance gesehen. Es macht mich traurig, wenn ich sehe, wie manche Menschen ihr Leben wegwerfen… Wer sich im Leben keine Ziele setzt kann meiner Meinung nach nicht glücklich werden.

      Vielen Dank für die Blumen, auch wenn dieses Posting eigentlich keine Lobeshymne auf meine Leistung sein soll, was anscheinend doch etwas so rüber gekommen ist. (Kaum sind die Texte nicht mehr zynisch, passiert das… ^^)

  4. Ich kann dir nicht unrecht geben, obwohl ich bis zu einem gewissen Grad meine Eltern auch verstehe. Sie wollten, nein, für sie war es natürlich, dass ich, genau wie meine Schwester, maturieren und studieren würde, um mal ein „gutes“ Leben führen zu können. Das hab ich brav mitgemacht, weil auch ich dachte, mit Matura hat man mehr Chancen als ohne. Aber jetzt steh ich da und sehe, dass genau die Berufe, für die ich geeignet wär und die mir gefallen würden, nur als Lehre angeboten werden. Schöne Scheiße.

    Eltern sollten lernen zu erkennen, dass das Wichtigste das Glück ihres Kindes ist, nicht, wieso und wodurch es nun dieses Glück erfährt. [Okay, bei Drogen würd ich mir auch Sorgen machen…] Aber eigentlich sollten Eltern ihre Kinder fordern und unterstützen und nicht unterdrücken oder ihr eigenes Glück/Wunschdenken in ihnen ausleben wollen :/

    • Es ist ja nicht so, dass ich meine Eltern nicht verstehe, ändert aber nichts daran, dass ihr Verhalten mich sehr oft gekränkt hat.

      Hast du denn schon damals gewusst, dass du lieber eine Lehre machen würdest? Generell spricht ja nichts gegen Matura und anschließender Lehre, wie ich finde. Im

      Ja, sollten Eltern eigentlich… Wo sich ja wieder die Frage stellt, warum man einen Hundeführerschein braucht, aber Kinder kann sich jeder einfach so „halten“… 😉

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