Schönheit vergeht, Aussage besteht

Seit zehn Jahren findet in Wien der Fotomarathon statt und seit zwei Jahren auch in Graz. Anders als bei einem gelaufenen Marathon geht es nicht um die beste Zeit, sondern um die beste Bildserie.

12 Stunden für 24 (Vollmarathon) bzw. 12 (Halbmarathon) Bilder. Klingt zunächst einmal nicht weiter schlimm, aber jeder, der selber einmal daran teilgenommen hat, weiß, dass das wirklich nicht besonders viel Zeit ist, denn in diesen 12 Stunden müssen nicht nur die Bilder entstehen, sondern erst einmal die Ideen dafür gefunden werden. Für all jene, die den Bewerb nicht kennen, sei angemerkt, dass die Reihenfolge der vorgegebenen Themen eingehalten werden muss und ein nachträgliches Bearbeiten der Bilder nicht erlaubt ist.

Insgesamt habe ich nun vier Mal daran teilgenommen. 2012 und 2013, jeweils in Graz und in Wien. Im ersten Jahr noch allein und in diesem zu zweit und ich freue mich schon auf die kommenden Bewerbe, weil ich es spannend finde, mich mit den Themen auseinanderzusetzen, mir darüber Gedanken zu machen und einen Weg zu finden, meine Vorstellungen bildlich so umzusetzen, dass die Betrachter verstehen, was ich damit ausdrücken wollte. Ich für mich finde, dass ich bei jedem Bewerb etwas dazu gelernt habe, dass es mich inspiriert hat und es ist sehr spannend, die Ergebnisse der anderen zu sehen. Was sie mit den Themen verbinden und wie sie das umgesetzt haben. Der direkte Vergleich, und zwar ohne Wertung, ob gut oder schlecht, ist interessant, weil man sieht, auf welche Ideen die anderen gekommen sind. Teilweise sind es zwar dieselben Ideen, nur komplett anders umgesetzt, aber andere Fotos schlagen einen ganz anderen Weg ein.

Natürlich hagelt es immer wieder Kritik an der Jurybewertung. Und auch ich verstehe manchmal nicht, wie es zu gewissen Ergebnissen kommt, aber in Summe muss ich sagen, dass die Bewertung in Wien wirklich in Ordnung geht, während die in Graz sehr oberflächlich ist. Wenn ich „in Summe“ schreibe, dann meine ich damit, dass das mein Gesamteindruck ist und es natürlich nicht auf alle Fotos zutrifft.

In Graz habe ich das Gefühl, dass die „schönsten“ Bilder gewinnen und „schön“ heißt, dass die Fotos ästhetische Dinge darstellen. Seien es schöne (attraktive) Menschen, schöne (farbenfrohe, freundliche) Landschaften, schöne (klischeebehaftete) Szenen, etc. In Wien hingegen ist „schön“ nicht so wichtig, da steht es mehr im Vordergrund, was ein Bild aussagt; es geht um die „Message“. Natürlich kann ein Bild jetzt „schön“ sein und eine „Message“ haben, das schließt sich nicht unweigerlich aus, jedoch sollte es sich ausschließen dürfen.

Für mich ist ein Foto dann gelungen, wenn ich mich beim Betrachten selber in der dargestellten Situation wieder finde, wenn ich mich hineinversetzen oder kritisch damit auseinandersetzen kann. Diese Bilder bleiben mir in Erinnerung. Die schöne Frau, die vor der Altstadt eine Pirouetten dreht, mag mir zwar für den Moment gefallen, aber wenn das Foto damit nicht weiter etwas aussagt, werde ich es sehr schnell vergessen.

Der sogenannte „rote Faden“ in einer Bildserie wird gewünscht. Verständlich. Sehe ich auch so, sofern dies nicht zwanghaft geschieht. 24 oder 12 Fotos, auf denen immer wieder dasselbe Ding abgebildet ist und der Gedanke „Hauptsache, es ist oben“ sich dem Betrachter aufdrängt, sind kein roter Faden, zumindest kein geglückter. Tragen jedoch alle Bilder den Stil des Fotografen, dann ist das für mich eine gelungene Reihe.

Fotografie ist eine Form der Kunst und unterliegt somit bei der Bewertung dem individuellen Geschmack des einzelnen und somit scheiden sich die Geister immer, ob ein Bild gefällt oder nicht. Das ist nicht nur in Ordnung, sondern gut so. Es ist wunderbar, dass Geschmäcker verschieden sind. Es ist wunderbar, dass jeder Bilder anders sieht und interpretiert. Deswegen sollte man  beim Fotografieren das Hauptaugenmerk darauf legen, was einem gefällt und was man ausdrücken möchte. Man sollte mit den eigenen Bildern zufrieden sein und sich kritisch damit auseinandersetzen, damit eine Weiterentwicklung stattfinden kann. Die Fotos sollen individuell bleiben und nicht nur mit dem Wunsch, die Jury zu beeindrucken, entstehen.

Natürlich kann man nun einwerfen, dass die Technik aber nicht vom individuellen Geschmack abhängt, aber selbst das stimmt nur bedingt. Was, wenn das Rauschen beabsichtigt ist und somit die Wirkung des Bildes verstärkt? Ist es dadurch schlechter? Es ist schwierig zu beurteilen, wie stark die Technik bei solchen Bewerben gewichtet werden darf. Vielleicht ist diese Bewertungskategorie sogar unnötig, denn ein technisch schlechtes Foto verliert ohnehin an Aussagekraft und Wirkung; auf der anderen Seite sollte man gerade bei den Top-Platzierungen eine gewisse Qualität erwarten können.

Ich werde, wie gesagt, erneut daran teilnehmen und vordergründig wird sein, Spass dabei zu haben und mich selbst verwirklichen zu können. Ich möchte dazulernen, Freude haben und mich vor allem mit meinen Fotos auch identifizieren können. Es sollen nicht die Fotos für die Jury in Graz 2014 werden, sondern die Fotos, die mich zu dem Zeitpunkt des Bewerbs 2014 in Graz repräsentieren. Es sollen keine „das könnte gefallen“-Bilder, sondern „das gefällt mir“-Bilder werden. Und ich denke, diese Authentizität wird auch von anderen erkannt, weil die Bildwirkung verstärkt wird. Man lebt das Motiv / die Szene, die man zeigt und spielt sie nicht nur.

One Kommentar

  1. Wirklich gut gesprochen – du hast für mich sehr gut gewählte & treffende Worte gefunden! Ich habe diese Wunderbare Veranstalltung erst heuer endeckt und unglaublichen Spass dabei gehabt, sowohl beim Fotografieren, als auch jetzt wenn ich die Umsetzungen der anderen Teilnehmer nach und nach betrachten kann.
    Liebe Grüße
    Franz

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